Die nächste Revolution in der Sortierung dreht sich nicht um Ausschuss, sondern um Erkenntnis
„Jahrelang hat die Branche Millionen in die Aussortierung schlechter Produkte investiert. Die nächste Herausforderung besteht darin, die guten zu verstehen“, sagt Rutger Keurhorst. Im folgenden Meinungsbeitrag erläutert er:
In den vergangenen zehn Jahren hat die Zwiebel- und Kartoffelindustrie enorme Fortschritte bei der Automatisierung gemacht. Getrieben von steigenden Arbeitskosten, einem strukturellen Arbeitskräftemangel und immer strengeren Qualitätsanforderungen haben Packbetriebe weltweit stark in optische Sortiertechnologie investiert. Insbesondere die Einführung relativ einfach zu implementierender Vorsortiersysteme hat es vielen Unternehmen ermöglicht, einen Großteil ihrer manuellen Qualitätskontrolle durch Kameras und Software zu ersetzen. Für viele Betriebe war dies ein wichtiger Schritt nach vorne: gleichmäßigere Produktqualität, niedrigere Arbeitskosten und eine höhere Verarbeitungskapazität.
Von Ausschuss zu Erkenntnis
Da diese erste Automatisierungswelle nun ausreift, zeichnet sich ein neuer Trend innerhalb der Branche ab. Es geht nicht mehr nur darum, wie effektiv eine Maschine Produkte aussortieren kann, sondern darum, wie viele Daten, und damit wie viel Wissen, eine Sortieranlage tatsächlich generiert. Obwohl moderne Systeme immer besser darin werden, Mängel zu erkennen, erhalten viele Verarbeiter letztlich nur begrenzten Einblick in die Qualität der Millionen von Zwiebeln und Kartoffeln, die jährlich durch ihre Anlagen laufen. Sie wissen, wie viele Produkte aussortiert werden, aber oft nicht genau, warum. Sie kennen das Endergebnis, aber nicht immer die zugrunde liegenden Ursachen.
Das ist bemerkenswert, denn jede aussortierte Zwiebel oder Kartoffel stellt im Grunde einen wertvollen Datenpunkt dar. Hinter jedem Mangel verbergen sich Informationen über Anbaubedingungen, Lagerqualität, Logistik, Lieferantenleistung oder saisonale Einflüsse. Wenn diese Informationen nicht erfasst werden, geht ein wesentlicher Teil des potenziellen Werts der Automatisierung verloren. Die Anlage sortiert das Produkt zwar, gewinnt daraus aber kein Wissen. Genau hier zeichnet sich derzeit eine wichtige Verschiebung ab. Immer mehr Unternehmen erkennen, dass der wirtschaftliche Wert einer Sortierlinie nicht nur davon bestimmt wird, wie viel Arbeit sie einspart, sondern auch davon, wie viel Erkenntnis sie liefert. Mit anderen Worten: Bislang haben viele Unternehmen das Potenzial unterschätzt, die Daten aus ihrem Sortierprozess intelligent zu nutzen.
Vom Sortieren zum Messen
Diese Entwicklung wird durch Technologien verstärkt, die einzelne Produkte vollständig analysieren können. Wenn jede Zwiebel oder Kartoffel einzeln auf Gewicht, Größe, Form, äußere Qualität und, wo möglich, sogar innere Qualität geprüft wird, entsteht ein grundlegend anderes Bild des Produktstroms. Die Sortierlinie verwandelt sich damit von einer Maschine, die Produkte trennt, in ein System, das Qualität misst. Ein neues Qualitätssicherungssystem also, das 100 % der Zwiebeln und Kartoffeln zerstörungsfrei und mit hoher Zuverlässigkeit prüft, statt sich auf stichprobenbasierte Qualitätskontrolle zu verlassen. So lässt sich die Qualität der gesamten Ernte garantieren und Verschwendung vermeiden oder minimieren. Das eröffnet neue Möglichkeiten, Unterschiede zwischen Erzeugern, Parzellen, Lagerstätten und Absatzmärkten sichtbar zu machen. Darüber hinaus macht es die Qualitätsentwicklung über die Saison hinweg messbar, statt sie lediglich anzunehmen.
Der Blick ins Innere
Gerade im Bereich der internen Qualitätsbewertung erwarten viele Experten in den kommenden Jahren einen bedeutenden Durchbruch. Historisch blieb das Innere einer Zwiebel oder Kartoffel weitgehend verborgen, bis das Produkt aufgeschnitten oder verzehrt wurde. Dadurch wurden Qualitätsprobleme oft erst sichtbar, nachdem bereits wirtschaftlicher Schaden entstanden war. Technologien, die interne Mängel früher erkennen, ermöglichen es, das Qualitätsmanagement von einem reaktiven zu einem vorausschauenden Ansatz zu verlagern. Dadurch entsteht nicht nur mehr Kontrolle über die Produktqualität, sondern auch über Ertrag, Kundenzufriedenheit und Risikomanagement.
Erkenntnis kennt keine Grenze
Die Frage, die daher immer häufiger in den Führungsetagen gestellt wird, verändert allmählich ihren Charakter. Wurden Investitionsentscheidungen traditionell an der Arbeitsersparnis gemessen, verschiebt sich der Fokus nun auf eine andere Kennzahl: Wie viel besser verstehen wir unser Produkt nach dieser Investition? Das mag ein subtiler Unterschied erscheinen, doch die Wirkung ist groß. Arbeitsersparnis hat letztlich eine natürliche Grenze. Erkenntnis hat sie nicht. Unternehmen, die ihre Produktströme besser verstehen, können Qualität, Lagerung, Logistik, Marktsegmentierung und Ertrag präziser steuern.
Die Agrar- und Lebensmittelindustrie befindet sich damit an einem interessanten Wendepunkt. Die vergangenen Jahre standen im Zeichen der Automatisierung. Die kommenden Jahre dürften vor allem davon geprägt sein, die Daten aus dem Sortierprozess intelligent zu nutzen und damit grundlegendes Wissen aufzubauen. Nicht schneller sortieren, sondern intelligenter steuern. Nicht mehr aussortieren, sondern besser verstehen.
Vielleicht lautet die wichtigste Frage für die kommenden Jahre daher nicht, wie viele Tonnen Produkt eine Sortierlinie verarbeiten kann, sondern wie viel Wissen sie gesammelt hat, nachdem diese Tonnen verarbeitet wurden. Die Gewinner von morgen sind nicht die Organisationen, die die meisten Produkte verarbeiten, sondern die Unternehmen, die aus jedem Produkt, das sie verarbeiten, am meisten lernen.